Der Lebensgarten

Manchmal ist das Leben wie ein Garten. Man macht einen Plan, legt Beete und Felder an, kauft Samen und Pflanzen und überlegt sich genau, was an welcher Stelle wachsen soll. Man kann es kaum erwarten und in den dunklen Stunden des Winters hält einen die Vorfreude über Wasser.

Und dann ist es endlich da, das Frühjahr, lang erseht, und mit Staunen beobachtet man, wie von einem Tag auf den anderen alles blüht und gedeiht. Oder auch nicht. Denn in manche Pflanze investiert man sehr viel Energie, hegt und pflegt sie, gibt all sein Herzblut hinein und am Ende verdorrt sie doch. Die Saat geht nicht auf und enttäuscht fragt man sich, was falsch gelaufen ist.

Dafür wächst manchmal an anderer Stelle etwas, nie hätte man das gedacht, keinerlei Augenmerk hat man der Stelle geschenkt und trotzdem ist da plötzlich etwas, was wunderschön anzusehen ist und richtig Freude macht.

Leben passiert, während man andere Pläne macht. Und das Leben lacht.

Tagebuch eines Hundes

Hallo, ich bin Noah und ich bin ein Hund. Und das bin ich gerne. Was sollte ich auch sonst sein wollen? Soll ich mich etwa mit einem Pferd oder einem Elefanten vergleichen? Oder gar mit den Menschen? Brrrh…

Versteht mich nicht falsch, ich mag Menschen gerne. Aber, seien wir mal ehrlich, sie sind komisch. Manchmal habe ich den Eindruck, sie erleben sich selbst immer irgendwie als unvollständig. So, als ob sie ständig etwas optimieren und verbessern müssten. Dabei ist jeder Mensch – wie auch jedes Tier – etwas ganz Besonderes. Mit ganz speziellen Eigenschaften und Fähigkeiten geboren. Ressourcen, die allen zugute kommen. Wenn man denn bereit wäre, einen Moment inne zu halten und nicht nur auf die Löcher, sondern auch mal auf den Käse zu schauen…

Das Problem an der Sache ist, dass die Menschen nicht nur sich selbst, sondern auch uns optimieren wollen. Meine Therapeutin hat mal gesagt, die meisten Menschen würden von einem Zustand des Mangels ausgehen, ganz egal, ob es sie selbst oder andere betrifft. Da staunt Ihr jetzt aber, was? Hunde haben nämlich auch Therapeuten! Oder Coaches und Berater, ganz egal, wie Ihr das nennt. Bei uns läuft das allerdings so, dass wir dort ansetzen, wo etwas gut ist. Wo alles vollständig und in Ordnung ist. Um das Leben dann noch besser zu machen. Wir schrauben nicht an uns oder unseren Artgenossen herum. Wenn wir im Rudel unterwegs sind, achten wir ganz genau auf die Ressourcen jedes Einzelnen. Der eine ist ein Leithund und geht gerne nach vorne, der andere ein Mitarbeiter, der anderen den Rücken frei hält. Jeder ist in seiner Stärke und Kraft und jeder hat eine Aufgabe. Was sollte denn auch dabei heraus kommen, wenn wir die Rollen vertauschen? Alle wären unglücklich und nicht in ihrer Mitte, das reinste Chaos.

Ich glaube, Menschen könnten eine ganze Menge von uns lernen.

Die Kutsche und der Weg

„Als ich begonnen habe, meinen persönlichen Weg zu gehen, nicht den, den ich meinte, gehen zu müssen, sondern den, den meine Seele mir vorgab, bin ich noch lange Zeit mit einer Kutsche gefahren“, erzählte die alte Frau.

„Es war keine außergewöhnliche Kutsche, nicht golden und verziert, sondern einfach ein praktikables Gefährt, das vor mir schon viele andere verwendet hatten. Die Kutsche hatte lange Zeit ihren Dienst getan. Als ich dann beschloss, einen neuen Weg zu gehen, war mir gar nicht bewusst, dass ich immer noch die Kutsche verwendete und versuchte, damit den neuen Weg zu befahren. Zwar hat es gerumpelt, es war unbequem und irgendwie nicht mehr stimmig, aber wie das oft so ist: Man nimmt das Gefährt, das man kennt, das einem vertraut ist und das einem über viele Jahre gute Dienste geleistet hat.

„Und was ist falsch daran?“, fragte das kleine Mädchen, das zu den Knien der alten Frau saß.

„Nichts ist falsch daran“, antwortete die alte Frau.

„Aber erst, als ich die Kutsche bewusst verlassen, sie untergestellt, versorgt und abgedeckt habe, konnte ich den neuen Weg gehen. Das war jetzt viel weniger komfortabel. Ich musste zum ersten Mal in meinem Leben wirklich zu Fuß gehen.“

„Und wie ist es dir dabei ergangen?“, fragte das Kind.

„Das war kein Spaziergang“, antwortete die Alte. „Mal stieg der Weg an, mal fiel er ab. Aber der Weg wollte begangen werden und die Kutsche war dafür kein Fahrzeug. Der Weg wollte bewusst begangen werden, nicht einfach überfahren.“

„Und hat es sich gelohnt?“, fragt das Kind.

„Manchmal habe ich beim Gehen geweint“, erzählte die alte Frau. „Die Tränen waren nicht traurig und sie waren nicht fröhlich. Sie waren einfach da, sind übergeflossen, wie Wasser, dass das Flussbett reinigt und auch noch die kleinste Ritze mit Leben erfüllt.

„Und weißt du was“, lachte die alte Frau, „dadurch habe ich gelernt, mich zu lieben.“

„Dich zu lieben?“, fragte das Kind. „Das verstehe ich nicht“.

„Ja, ich habe gelernt, mich zu lieben und so zu akzeptieren, wie ich bin. Weil es schöner ist, sich selbst den Weg zu bahnen und dabei durch Wälder und Wiesen zu Fuß zu gehen, als auf vorgefertigten Wegen in einer Kutsche gefahren zu werden.“

„Darüber muss ich nachdenken“, sagte das Kind.

©Gerlinde Ullmann 2018
Geschichten und Märchen für Erwachsene

Die Geschichte vom kleinen Baum

Coaching Supervision Mediation Seminare Workshops

Es war einmal ein kleiner Baum. Er lebte mitten im Wald unter vielen anderen Bäumen. Alle um ihn herum waren groß und stark, schön und kraftvoll. Nur der kleine Baum nicht. Er war geknickt, sein Stamm krumm und weil er so traurig war, wurden seine Blätter schon welk. Denn der kleine Baum war unglücklich.

„Was ist bloß los mit mir? Warum bin ich so? So anders als die anderen Bäume?“, fragte er sich. Und da fing er an zu weinen. Er weinte so bitterlich, das ihn eine Eule besuchen kam. Sie setzte sich auf einen seiner krummen Äste und fragte: „Kleiner Baum, was ist los mit dir?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete der kleine Baum. „Ich bin so anders als die anderen. Sie sind groß und schön, stark und kräftig. Nur ich bin klein und krumm.“

„Und warum kümmert dich das?“, fragte die Eule.

„Warum mich das kümmert? Was ist das denn für eine Frage?“

„Ja“, sagte die Eule. „Warum kümmert dich das?“

„Na, weil… weil…“, stotterte der kleine Baum.

„Siehst du“, sagte die Eule, „du weißt keine Antwort“.

„Natürlich weiß ich die Antwort!“, sagte der kleine Baum. „Ich will groß und stark sein, so wie die anderen. Ich will nicht so sein wie ich. So klein und krumm.“

„Du bist also unglücklich, weil du dich mit anderen vergleichst?“, fragte die Eule.

„Ja“, sagte der kleine Baum. „Ich bin unglücklich, weil ich mich mit anderen vergleiche!“

„Und was würdest du anders machen, wenn du anders wärst“, fragte die Eule?

„Was ich anders machen würde?, fragte der kleine Baum verblüfft.

„Ja“, sagte die Eule. „Was würdest du anders machen, wenn du anders wärst?“

„Hm. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, sagte der kleine Baum. „Wenn ich anders wäre, wäre ich glücklich! Genau! Das ist die Antwort!“

„Aha“, sagte die Eule. „Und warum willst du glücklich sein?“

„Also wirklich, Eule, du stellst aber dumme Fragen! Warum ich glücklich sein will? Jeder will doch glücklich sein! Und wenn ich so wäre, wie die anderen, dann wäre ich glücklich!“, antwortete der kleine Baum voller Überzeugung.

„Was würdest du denn machen, wenn du glücklich wärst?“, fragte die Eule weiter.

„Was ich dann machen würde? Na, ich würde… ich würde…“, stotterte der kleine Baum wieder.

„Ja“, sagte die Eule. „Was würdest du tun, wenn du glücklich wärst? Wie würdest du sein, wie leben wollen?“

„Wenn ich glücklich wäre, würde ich genau hier leben wollen. Hier ist es schön“, sagte der kleine Baum. „Hier bin ich geboren, meine Wurzeln fühlen die Erde, meine Blätter spüren das Sonnenlicht und in meinem Stamm wohnen Vögel und Eichhörnchen.“

„Aha“, sagte die Eule. „Und was würdest du tun, wenn du unglücklich wärst?“

„Wenn ich unglücklich wäre? Na, dann würde ich auch hier sein wollen. Hier zwischen den anderen Bäumen. Hier ist doch mein Zuhause!“

„Eben“, sagte die Eule. Und flog davon.

©Gerlinde Ullmann 2018
Geschichten und Märchen für Erwachsene