„Als ich begonnen habe, meinen eigenen Weg zu suchen, bin ich noch lange mit einer Kutsche gefahren„, erzählte die alte Frau.
„Ein praktisches Gefährt, das vor mir schon viele andere Menschen verwendet hatten. Mir war zuerst gar nicht klar, dass man neue Pfade nicht mit alten Gefährten bewältigen kann.“
Die junge Frau nickte. „Lieber das vertraute Unglück, als das unbekannte Glück. Das kenne ich.“
„Schließlich habe ich die Kutsche verschenkt und bin zu Fuß weiter gegangen. Das war ganz schön anstrengend und unbequem. Ich dachte, ich komme niemals voran.“
„Aber hat es sich gelohnt?“, frage die junge Frau.
„Manchmal habe ich beim Gehen geweint. Die Tränen waren nicht traurig und sie waren nicht fröhlich. Sie sind einfach übergeflossen. Wie Wasser, das ein Flussbett reinigt. Und weißt du was? Dadurch habe ich gelernt, mich so zu lieben, wie ich bin. Weil es schöner ist, durch Wälder und Wiesen zu Fuß zu gehen, als auf asphaltierten Wegen in einer Kutsche zu fahren.“
„Darüber will ich nachdenken„, sagte die junge Frau.
©Gerlinde Ullmann 2026
Geschichten und Märchen für Erwachsene
Veröffentlicht am 30.05.2018
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