Die Kutsche und der Weg

Als ich begonnen habe, meinen eigenen Weg zu gehen, nicht den, den ich meinte, gehen zu müssen, sondern den, den meine Seele mir vorgab, bin ich noch lange Zeit mit einer Kutsche gefahren„, erzählte die alte Frau.

Es war keine außergewöhnliche Kutsche, nicht golden und verziert, sondern ein praktisches Gefährt, das vor mir schon viele andere Menschen verwendet hatten. Als ich dann beschloss, einen neuen Weg zu gehen, war mir gar nicht klar, dass ich immer noch die alte Kutsche verwende und versuche, damit den neuen Weg zu bewältigen. Zwar hat es gerumpelt, es war unbequem und irgendwie überhaupt nicht mehr stimmig, aber wie das so oft im Leben ist: Man nimmt das Gefährt, das man kennt. Einfach deshalb, weil es vertraut ist und viele Jahre gute Dienste geleistet hat.“

Und was ist falsch daran?„, fragte das kleine Mädchen, das zu den Knien der alten Frau saß.

Nichts ist falsch daran„, antwortete die alte Frau.

Aber erst, als ich die Kutsche bewusst verlassen, sie untergestellt, versorgt und abgedeckt habe, konnte ich den neuen Weg gehen. Das war jetzt viel weniger komfortabel. Ich musste zum ersten Mal in meinem Leben wirklich zu Fuß gehen.

Und wie ist es dir dabei ergangen?„, fragte das Kind.

Das war kein Spaziergang„, antwortete die Alte.

Mal stieg der Weg steil an, mal fiel er ab. Aber der Weg wollte begangen werden und die Kutsche war dafür nicht geeignet. Der Weg wollte bewusst begangen werden, nicht einfach überfahren.“

„Und hat es sich gelohnt?“, fragt das Kind.

Manchmal habe ich beim Gehen geweint„, erzählte die alte Frau.

Die Tränen waren nicht traurig und sie waren nicht fröhlich. Sie waren einfach da und sind übergeflossen. Wie Wasser, das ein Flussbett reinigt und auch noch die kleinste Ritze mit neuem Leben erfüllt.

Und weißt du was?„, lachte die alte Frau. „Dadurch habe ich gelernt, mich selbst zu lieben.

Dich selbst zu lieben?„, staunte das Kind. „Das verstehe ich nicht„.

Ja, ich habe gelernt, mich selbst zu lieben und so zu akzeptieren, wie ich bin. Weil es schöner ist, sich selbst den Weg zu bahnen und dabei durch Wälder und Wiesen zu Fuß zu gehen, als auf vorgefertigten Wegen in einer Kutsche zu fahren.

Darüber muss ich nachdenken„, sagte das Kind.

©Gerlinde Ullmann 2018
Geschichten und Märchen für Erwachsene

Veröffentlicht am 30.05.2018

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